Leseproben Anett Müller

Zehn Jahre danach · Nächtlicher Streifzug · Nach der Arbeit – ein Selbstporträt

Zehn Jahre danach

Als mitten in einem Ehekrach
die Sturmeswogen höher stoben
und wiederholt, selbst zehn Jahre nach
dem Ringtausch sich alte Geister erhoben,
da stürzten mit Donner und Flüchen
der Mann unters Dach,
die Frau in die Küche.

Die Türen schickten in Reihenfolge
ein Beben durchs Haus, der Stille voraus.
Körperhaft, fast summend durchrollte
sie wandengen Zweier-Lebens-Bau
und füllte die ganze Leere danach.
Nur nicht, wo Sie grollte
und nicht unterm Dach.

Gleich uneins wie einig separiert,
das Feuer verbraucht, noch Wut im Bauch,
allmählich, im Geiste relativiert
der Schmerz sich und Vernunft siegt auch,
so hebt er´s Glas auf ihre Macken,
die Frau kompensiert
und fängt an zu backen.

Und wie sie noch ganz unbewusst,
gedankenumhüllt, die Schüssel füllt,
aufschlagend, mit gewaltvoll Lust
die Wut an schuldlos Eiern stillt,
fällt die Erkenntnis unterm Fluchen
Sie bäckt - trotz Verdruss -
des Manns Lieblingskuchen.

Nächtlicher Streifzug

"Hab ich dir schon mal gesagt, wie schön du bist?", nuschelte er. Sie richtete ihre Aufmerksamkeit auf die Straße und packte den strauchelnden Mann fester.
"Ja, streng genommen", ihr Blick streifte seinen, erwartungsvollen, "jedesmal."
Zufriedenheit strich über seine alten Züge, er straffte sich. Sie stolperten unter den Lichtinseln der Straßenlaternen hindurch. Dazwischen schluckte die Dunkelheit den rauen Alltag, Gedanken strömten träumend aus.

Sich auf sie stützend, reckte der Mann unbewusst seine Nase ihrem Struwwelkopf entgegen. Da fand er Wärme und Halt im Duft, der von ihr strömte und den er liebte.
Das Paar strandete in der Geborgenheit einer Seitengasse. Dort, im schummrigen Licht, begegneten sich zwei Schatten.
"Komm mit mir!" Unbeholfen streckte er die Arme aus um ihre Schulter zu halten, ließ die Hände darauf ruhen. Vielleicht hatte er Angst wieder zu straucheln.
Ihre Augen streichelten über sein Gesicht, das bittend über ihr hing, alles Feste war jetzt daraus entwischen. Dafür fasste sie sich, lachte verhalten auf und ergriff - wie immer - ermunternd seine Hände.
"Du weißt, ich will - mehr." Sie setzte das letzte Wort nach einer Pause, aber bestimmt.
Wie an der Strippe folgte er ihr willig in die Düsternis eines Hauseinganges.
Eine Katze streunte unter schlafenden Fensteraugen durch die Nacht. Die Straße atmete Stille.
Aus der Leere einer offenen Tür streuten leise ihre Worte. "Hast du das Geld?"

Nach der Arbeit – ein Selbstporträt

A. duckt sich unwillkürlich, als sie durch den Türrahmen kommt, obwohl das gar nicht nötig wäre. So offenbart sich, dass 1,90 m Körpergröße auch Nachteile mit sich bringen können. Sie fängt das Schmunzeln auf, das ich mir nicht verkneifen kann, beantwortet es mit einem: "Das Problem kennen Sie wohl nicht?" und reicht mir lächelnd die Hand. "Freut mich, dass es geklappt hat", sagt sie. Ich freue mich auch.
   Unsere erste Begegnung war zufällig, beim Einkaufen, wo man auch sonst auf Leute trifft, mit denen man ins Gespräch kommt und mit denen man aus irgendwelchen Gründen furchtbar gern einen Kaffee trinken möchte, einfach aus einer Mischung von Sympathie und reiner Neugier. Genau so einfach haben wir uns verabredet.
   A. nimmt sich den Sessel mir gegenüber und lässt sich in das Polster fallen. Ich habe es da nicht ganz so weit nach unten.
   Vielleicht war es die Größe, die mir zuerst ins Auge gefallen war. Aber das allein wäre wohl vielen Menschen so gegangen. A. ist eine sehr schlanke Frau. Das und ihre offensichtliche Vorliebe für dunkle Kleidung heben ihre Größe erst recht hervor.
   Der zweite Blick bleibt bei den Haaren, dunkelblond, naturkraus und etwas zu buschig. Sie trägt das Haar offen, so dass es über die Schulter fällt. Es umrahmt ein junges Gesicht, das dadurch schmaler wirkt, als es eigentlich ist. Die Augen sind mandelbraun und dominieren das Gesicht. Besonders, da das rechte Auge im Gegensatz zum Linken hartnäckig zur Seite schaut und etwas anderes wahrzunehmen scheint, als das linke. Das rechte Auge sei "außer Funktion", klärt sie mich auf. Wer das nicht weiß, könnte auf die Idee kommen, sie schaue um die Ecke. Sonst trägt ihr Gesicht keine Auffälligkeiten. Die schmalen Lippen können bei Anspannung sicher beinahe verschwinden. Aber sonst, Ohren, Nase, Kinn, alles vorhanden.
   Wir haben uns zurück gelehnt, nippen am Kaffee. Sie spitzt die Lippen zum Pusten. Der Kaffee ist heiß.
   "Spielen Sie Basketball?" Ich halte diese Frage für berechtigt. A. lacht, Warum das so viele Leute fragten, kleine Leute spielten doch auch nicht alle Minigolf. Auch das ist nicht falsch. – Nein, überhaupt treibe sie mittlerweile viel weniger Sport. Die äußere Erscheinung täusche da zum Glück. Ihr geht es da eigentlich wie den meisten Menschen. Früher war mehr Zeit und in der Erinnerung waren die Tage ganz bestimmt länger als heute. Dadurch bleibe am Abend nach der Arbeit nicht mehr so viel Raum, um sich zwischen all den Dingen entscheiden zu müssen, die man tun könnte.
   "Ganz ehrlich?", fragt sie, "außer dem Radeln zur Arbeit und zurück, bin ich    furchtbar faul. Meine abendliche Freiheit ist es, das Erstbeste zu tun, auf das ich Lust habe, ohne Nachdenken, zur Entspannung. Und wenn das Kochen ausfällt, das Essen oder der Film. Dann wird der Freund vor den Rechner gesetzt, so bekommt der nicht mal Hunger. "Habe ich mir so ein bisschen Zeit geschaffen, kann ich mich entspannen, das heißt kreativ sein." Diese Methode hat einen Nachteil. Erstens, weil das Erstbeste oft natürlich das Einrüsseln auf der Couch beim Film ist, zweitens hat A. verschiedene Interessen, wodurch jede hin und wieder ein bisschen, aber seltener langfristig betrieben wird. "Klar, ich werde ewig nicht fertig, wenn ich etwas anfange. Das gehört zum System, sich Zeit zu schaffen, ein Protest gegen den alltäglichen Zeitdruck." Dann erfährt Kreativität eine Verbindung mit Meditation.
   "Ich verlasse den Alltag, grenze mich ab oder tauche in ihn ein, verarbeite ihn, meine Erlebnisse, meine Eindrücke und Gefühle. Ich lasse los, um mich wieder zu fangen und finde Neues, indem ich die Dinge schlicht von einer anderen Seite betrachte. Schon als Kind habe ich leidenschaftlich gern gemalt."
   Es sei ihre Möglichkeit in Gegenstände einzutauchen, indem sie versucht Details zu ergründen, die aus der Entfernung die Wahrnehmung beeinflussen. Ob z. B. letztlich etwas als schön oder hässlich empfunden wird, läge oft im Kleinen verborgen.
   "Vielleicht hat diese Neugier aber auch etwas damit zu tun, dass ich als Kind extrem kurzsichtig war und sich mir die Dinge aus einem gewissen Abstand einfach nicht offenbart haben.", wirft sie ein.
   Mehr noch, neben dem Malen war es auch das Schreiben, mit dem sie versuchte, sich die Welt zu ergründen. Kleine Gedichte und Geschichten sammelten sich in ihren Tagebüchern und Heften. Dann landete sie bei der Schreibwerkstatt, aus Neugier, wie sie versichert.
   "In erster Linie wollte ich wissen, wie und was andere Menschen schreiben", erzählt A. "Außerdem ist es ziemlich einsam, das Schreiben, so allein, für sich. Es ist wirklich motivierend, wenn man weiß, dass sich jemand den geistigen Output anhören wird – und dann Verbesserungsvorschläge macht. Aber darum geht es."
   Und wenn man schon Gedichte schreibt, kann man eigentlich auch komponieren, singen und Gitarre spielen. Wenn man spielen kann. Aber das kann man lernen, dachte A. sich. – A. lernt nun seit etwa zwei Jahren. So richtig, an der Städtischen Musikschule, als Garant für eine ordentliche, solide Ausbildung. Nur, da muss man auch üben. Und da sie sprunghaft von allem ein bisschen tut und manchmal alles auf einmal, kommen einige Dinge eben zu kurz: Gitarre üben zum Beispiel. Während andere nach zwei Jahren über ihren ersten Auftritt grübeln können, lässt sie zumindest die Hoffnung ihrer Lehrerin nie ganz sterben.
   Aber es entspannt schon noch? "Darum geht’s," sagt sie und hat Spaß dabei.
   Fehlt noch das Singen. "Das geht nicht." Warum? Zweifelnd schaut A. herüber. Das wäre weder spaßig noch entspannend. "Ich habe mich mal selbst singen gehört."
   Dann hält sie inne, schaut nachdenklich in ihre Tasse und meint:
   "Sport wäre als Ausgleich eine wirklich gute Idee."
   "So zur Entspannung!?"
   "Sicher," meint sie verschmitzt, "Was stimmt daran nicht?"