Leseproben Birgit Krankemann

Genuss - Eine Lebenseinstellung

Genuss - Eine Lebenseinstellung

Barbara, meine Interviewpartnerin, beeindruckt mich sofort mit ihrer ruhigen, gelassenen Art.
   Mir gegenüber sitzt eine Frau mit warmem Blick aus blaugrünen Augen. Ihre Lachfältchen fallen mir auf. Eine modische Brille mit markanten Bügeln im braun-weiß getönten Schachbrettmuster schmückt ihr für Ende 50 jung gebliebenes Gesicht. Sie trägt einen Kurzhaarschnitt und ihr braunes Haar wechselt mit blonden Strähnchen in verschiedenen Tönen.
   Auf meine Frage, wie ihr Abend wohl noch zu Ende geht, überlegt sie kurze Zeit, dann umspielt ein Lächeln ihren Mund.
   "Ich werde den Heimweg wohl zu Fuß zurücklegen" und offenbar gefällt ihr dieser Gedanke an etwas Bewegung in der abendlichen Frühlingsluft. "Und dann werde ich mir noch meinen Lieblingsdrink machen" bemerkt sie. "Ich liebe Holunderbeer- mit Ananassaft" und sie scheint den Geschmack auf der Zunge zu spüren. "Besonders freue ich mich aber auf meine blaue Stunde" und schon jetzt entspannen sich ihre Haltung und ihre Mimik beim Gedanken daran. "Ich werde gemütlich noch im Bett lesen." - "Im Sitzen", setzt sie schnell noch lachend hinzu, "denn das ist meine Lieblingsstellung".
   Aber Barbara sitzt doch den ganzen Tag, denke ich. Eine nachdenkliche Barbara erzählt, dass sie seit 1990 in einer Steuerberatungsgesellschaft arbeitet. Nebenberuflich hat sie noch eine Ausbildung zum Bilanzbuchhalter gemacht, um nach der Wende einen entsprechenden Abschluss vorweisen zu können. Dabei hat sie aber auch der eigene Wille, mehr zu wissen und zu können, getrieben, betont sie ausdrücklich.
   Sie ist verwitwet und pflegt nun schon einige Zeit ihre kranke Mutter, leise sagt sie das, sucht nach passenden Worten, aber man spürt auch, dass es ihr wichtig ist darüber zu reden. Sie sammelt sich.
   "Was bedeutet für mich Genuss im Alltag?" wiederholt sie meine Frage langsam. "Heute genieße ich es besonders neue Eindrücke zu sammeln, Leute kennen zu lernen und mit ihnen ins Gespräch zu kommen." –
   "Früher fiel mir das wesentlich schwerer", zieht sie selbst ein Resümee, "und über diese neue Seite an mir freue ich mich". Für Barbara hat Genuss aber auch etwas mit Entschleunigung zu tun und mit Aufmerksamkeit für sich selbst. Ihrem Gefühl nach ist Genießen ein seelischer Vorgang und keine Denkoperation. Selbst zu wissen, was einem gut tut, offen zu sein für schöne Dinge und Situationen; für deren Einmaligkeit, Besonderheit und Vergänglichkeit, so beschreibt sie ihren Schlüssel.
   Aber auch das Leibliche ist ihr keineswegs fremd.
   "Es beginnt schon bei der Vorfreude, beim Einkauf der Waren", schwärmt sie, "wie jetzt zum Beispiel Spargel, Erdbeeren und einem passenden Weißwein." Mit Freude ist sie bei der Zubereitung und ein hübsch gedeckter Tisch, wenn auch nur für sie allein; gehört dazu. Gerne hat sie es ein bisschen stilvoll, aber den Kartoffelsalat auf der Gartenparty kann sie ebenso auf einem Pappteller und im Stehen genießen. Die Gesamtsituation ist für sie das Entscheidende.
   "Ich genieße die Natur, gerne auch allein; sie hilft mir der Eintönigkeit des normalen Lebens, dem Alltag wenigstens zeitweise zu entgehen." Das ist ihr sehr wichtig und scheint ihr über manche Hürde des Lebens geholfen zu haben. Das Gehen beruhigt sie, sie fühlt sich dabei zu Hause, dazugehörig zu dieser Welt. Sie reizen unbekannte Wege und sie wagt Neues. Oft stellt sich ihr unterwegs die Frage "Werde ich überhaupt dort ankommen, wo ich hin will?" Aber diese Entdeckerneugier umfasst die kleine Wiesenblume ebenso, wie die glänzende Kastanie, die in ihre Jackentasche beim Spazieren oder Wandern gleitet. Nach einem solchem Ausflug in die Natur sei es besonders schön, abends im Bett sitzend, ungestört, im Stillen ein neues Buch in die Hand zu nehmen und es aufzuschlagen, darin zu blättern und es anzulesen. Das ist für Barbara geistiger Genuss, intellektuelle Lust. Augenzwinkernd verrät sie, dass ein Stück Schokolade ruhig auch noch dabei sein darf.
   Woher bezieht sie noch weitere Anregungen intellektueller, geistiger Art? Sie genieße zum Beispiel Gespräche, in denen sie gern auch nur Zuhörerin sein kann; Gespräche, die sich aus vielen Blickwinkeln mit einem Thema befassen und ihr etwas Neues erklären. Ein anderer Quell ihrer Lebensfreude ist ihr dreijähriger Enkel Max, mit seiner Entdeckerlust und seinen Entwicklungsfortschritten. Mit ihm verbindet sie ein Gefühl der vorbehaltlosen Liebe.
   Ein Lebensmotto, selbst gewählter Leitsatz von ihr ist: "Habe Mut, unwichtig zu sein". Barbara habe bemerkt, dass damit plötzlich eine Menge Kapazitäten frei werden, um zuzuhören, ein Stück weiter zu denken und hinter die Dinge zu schauen und offen für Begegnungen zu sein. Trotzdem legt sie Nachdruck auf die Frage, mit wem sie genieße: "Vor allem mit mir und noch einmal mit mir. Natürlich auch mit anderen, aber das eigentliche Genussgeschehen spielt sich doch in mir ab."
   Wie ihre Vorstellung von einem genussvollen Lebensabend aussieht, frage ich sie zum Schluss. Vor kurzem ist sie 58 geworden und fest entschlossen mit 60 in Rente zu gehen. "Vor allem möchte ich meinen Verstand behalten und immer einen guten Rotwein im Haus haben." Ihre Lachfältchen um Augen- und Mundwinkel zeigen sich wieder. Wohlüberlegt, nahezu poetisch - philosophisch legt sie mir dann ihre Gedanken dar.
   "Ich will von der Vorstellung nicht lassen, dass sich im Alter ein Kreis schließt. Ich möchte nicht verbittern und engstirnig werden. Leise, ja das möchte ich sein und langsam und zuhören können. Und nicht so viele fertige Antworten haben, mich mit den Dingen und Personen beschäftigen, die mir nahe sind. Klingt alles ein bisschen zu schön vielleicht", setzt sie nachdenklich hinzu.
   "Es ist die Erfahrung, dass wir Menschen sehr zerbrechlich sind und unsere Anstrengungen letztendlich nur auf einen Punkt hinauslaufen, auf unseren Tod. "Nichts wird uns bleiben", betont sie, "alles was uns am Herzen liegt, werden wir hergeben müssen. Also wappne ich mich, ich bin ganz sicher, es ist so wie Brecht es beschreibt." Und sie zitiert: "es (das Leben) wird euch nicht genügen, wenn ihr es lassen müsst."