Leseproben Claudia Nobis

Der Apfel · Eine Grenzerfahrung · Kein Empfang · Abschied

Der Apfel

Die Sonne brennt auf die Häuser des Dorfes, die staubig im grellen Licht liegen. Seit Wochen fehlt von Regen jede Spur und auch die Vorräte aus den Tonnen neigten sich dem Ende zu. Alle hoffen, dass sich endlich eine Wolke zeigt, doch jeder Tag beginnt, wie der Vorige endet. Selbst wenn sich der Horizont grau einfärbt und der Wind angenehme Kühle zwischen die Häuser treibt, ziehen die Wolken und mit ihnen der Regen am Dorf vorbei, als würden sie diesen Landstrich meiden. Feiner Sand aus den umliegenden Wäldern legt sich in die Orte und färbt Autoscheiben und Motorhauben in einheitliches Grau. Auch die Geländer der Hauseingänge, die Briefkästen, Fensterscheiben und die Blätter von Bäumen und Pflanzen tragen eine dünne Staubschicht. Fährt eines der wenigen Fahrzeuge über die schmale Dorfstraße, zieht es eine graue Wolke hinter sich her.
   Eine Tür im hinteren Haus der Hauptstraße öffnet sich und heraus kommen Paul und Florian. Beide tragen kurze, weiße Hosen und blaue Trikots. Darauf prangt eine schwarze Zahl, die fast so groß wie ihr Rücken ist. Ihre dunkelblauen Basecapes schirmen sie vor den brennenden Strahlen der Sonne ab. Trotz des späten Nachmittags, scheint sie noch immer unbarmherzig zur Erde. Nirgendwo ist eine Wolke zu sehen, die sich wenigstens eine kurze Zeit schützend vor sie stellt. Die beiden Jungs gehen, einen Fußball vor sich her dribbelnd, zur ehemaligen Schule. Da die Kinder in der benachbarten Großstadt Mathe und Deutsch lernen, steht der zweistöckige Flachbau aus rotem Stein verlassen am anderen Ende der Hauptstraße. Traurig blinzeln die schon seit Jahren ungeputzten und fast blinden Fenster in die Welt. Eine Plane hängt, zerfetzt und von vergangenen Stürmen an den Ösen gerissen in der unbewegten Luft. Sie teilt allen, die vorbeikommen mit, dass das Haus "zu verkaufen" ist.
   Hinter dem Schulgebäude befindet sich der Fußballplatz, das Ziel von Paul und Florian. Kaum dort angekommen, spielen sie sich gegenseitig den Ball zu und kommen so dem Tor immer näher. Nacheinander versuchen sie, sich das runde Leder gegenseitig abzunehmen. Manchmal, wenn beide gleichzeitig gegen den Ball treten, gibt dieser einen dumpfen Laut von sich.
   In einiger Entfernung blicken zwei dunkle Augen auf das Treiben der beiden Freunde. Sie folgen jeder Bewegung und halten sie fest im Blick.
   "Hei Paul, ich kann nicht mehr." Florian nimmt den Ball und setzt sich auf den Rasen am Rand des Platzes.
   "Flori, was soll das? Wir haben doch gerade erst angefangen". Paul schlurft zu ihm. "Hast du keinen Durst? Ich bin schon ganz schlapp und könnte einen See austrinken. Oder einen Wagen voller Eis ausschlecken."
   Paul setzt sich neben Florian und beide blicken über den Platz. Als hätte ein Blitz ihnen gleichzeitig eine Idee in den Kopf geschossen, sehen sie sich an. Gegenüber, am Rand des Platzes, befindet sich das Grundstück von Herrn Schmidt. Obwohl das Dorf klein ist, kennen ihn die wenigsten, denn er ist ein scheuer Mensch. Selten lies er sich im inzwischen geschlossenen Konsum sehen. So wuchsen und sprossen im Laufe der Jahre Gerüchte darüber, was es mit dem Schmidt auf sich habe. Einige reden davon, dass er vor seinem Einzug in das Haus am Waldrand im Gefängnis war. Andere behaupten, er sei bei der Stasi gewesen und wolle sich nun vor dem Arm des Gesetzes verstecken. Keiner kennt die Wahrheit, was die Fantasie nur noch mehr anstachelt.
   Die beiden Jungs stehen auf und überqueren den Platz. Sie erwecken dabei den Eindruck, als spielten sie weiter Fußball. Diesmal jedoch lassen sie mit Absicht den Ball wegrollen, um sich dem Grundstück zu nähern. Ein hoher Zaun, dessen Latten eng beieinander stehen, versperrt die Sicht in den Garten. Doch die Äpfel, die ihnen scheinbar aus der Ferne aufmunternd zulächelten, hängen sehr nah am Zaun. Florian kniet sich ins Gras und Paul steigt auf seinen Rücken. Seine Linke Hand umfasst die Spitze des Holzes, während seine Rechte sich nach vorn schiebt, um nach den Äpfeln zu greifen. Doch er erreicht sie nicht und so stellt sich Paul auf die Zehenspitzen. Dabei muss er aufpassen, auf dem wackeligen Untergrund nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Er streckt erneut den Arm aus und kann endlich einen der runden Früchte fassen. Zweimal reißt er an dem Ast, dann löst sich der Stiel und Paul wirft die grüne Köstlichkeit hinter sich in das Gras. Er bemerkt nicht, wie sich ein Schatten dem Zaun nähert. Wieder streckt er sich, um einen Apfel zu erreichen, als er einen warmen Hauch an seinem Arm spürt. Fast gleichzeitig sieht er die Vorderzähne einer grauen Schnauze. Mit einem Knurren legt sich die Lefze des Tieres in Falten und die scharfen Eckzähne treten bedrohlich hervor.
   Paul reißt seine Hand zurück, in der er einen Zweig hält. Dabei nimmt er noch einen Apfel und mehrere Blätter mit. "Los, weg hier!" Paul springt von Florians Rücken und rennt davon. Fast zeitgleich ist Florian auf den Füßen und rennt ihm hinterher. Er bückt sich noch einmal nach dem Apfel im Gras. Der graue Wolfshund bellt ihnen hinterher und springt immer wieder gegen den Zaun. Doch die Latten halten ihn sicher hinter sich fest.
   Außer Atem erreichen die beiden Jungs den stillgelegten Bahnhof und setzen sich erleichtert auf die alte Holzbank auf der seit Jahren kein Mensch gesessen hat. Auch die Bahn hat diesen Ort vergessen. Als sich ihre Herzen etwas beruhigt haben, sehen sie auf die beiden Äpfel in ihrer Hand. Grinsend beißen sie hinein und es knackt, als ihre Zähne die Haut des Obstes durchbrechen. Plötzlich wirft Paul seinen Apfel zwischen die rostigen Schienen.
"Hei, was machst du da?" Florian guckt irritiert der angebissenen Frucht hinterher. "In meinem war ne Made" erwidert Paul.

Eine Grenzerfahrung

Knatternd nähert sich der Trabant der Grenze und stellt sich hinter die schon wartenden Autos. Der Motor verstummt, als der Zündschlüssel umgedreht wird. Nur eine Straße führt weiter in ihre Richtung, doch eine rot weiß gestreifte Schranke legt das ‚Halt’ auf den Weg. Die Grenzpolizisten nehmen sich Zeit, nur selten hebt sich die Schranke .für Autos, die kurze Zeit später auf dem etwas abseits gelegenen Parkplatz erneut zum Stehen kommen.
Der Himmel ist bewölkt, als wollten die Wolken der Sonne die Sicht auf die Szenerie verwehren.

Durch die Windschutzscheibe des Trabants erkennt Clara die schmale Straße.
   Nur langsam bewegt sich die Blechlawine Wagenlänge um Wagenlänge Richtung Zollstation. Zwei Wochen in der CSSR liegen hinter Clara und ihren Eltern und staunend haben sie die mit bunten Pullovern, sportlichen Schuhen und wertvollem Kristall gefüllten Auslagen der Kaufhäuser und Geschäfte bewundert. Sie hatten etwas mehr Geld zur Verfügung, Freunde, Verwandte und die Ersparnisse ihrer Eltern hatten es möglich gemacht.
   Die Kristallgläser sind gut verstaut, um die Grenze zu passieren. An den neuen Turnschuhen klebt kein Staubkorn. "Zieh dir die Schuhe an." hatte ihre Mutter am Morgen gesagt "dann sehen sie nicht mehr so neu aus." Doch obwohl sie bereits einige Schritte gelaufen waren, grinsen sie hell und sauber unter ihrer Hose hervor.
Allmählich nähern sie sich den Grenzposten.

Eine Glocke aus Furcht hängt unter dem Wellblechdach und sie spürt instinktiv die Anspannung um sie herum. Ihre Füße kribbeln, als wüssten sie um das Verbot, das sie tragen.
   "Aussteigen!" dröhnt der Grenzer und wartet, bis ihr Vater aus dem Auto gestiegen ist. Gemeinsam gehen sie nach hinten zum Kofferraum. "Aufmachen!" Der Verschluss knackt und der geöffnete Kofferraumdeckel versperrt die Sicht. Ihre Mutter zieht auf dem Beifahrersitz hörbar Luft ein und wagt nicht auszuatmen. Die Kristallgläser sind im braunen Lederkoffer verstaut. Mit einem dumpfen Knall schließt sich die Luke hinter ihnen und der Wagen schaukelt leicht. Sie sehen, wie ihr Vater dem Grenzposten in das Wachhäuschen folgt. In seiner Hand trägt er einen beigefarbenen Stoffbeutel.
   Ihre Mutter atmet aus und beugt sich zu ihr nach hinten. Ein leises Glucksen verrät, dass sie ein Lachen unterdrückt. "Sie haben die dreckige Wäsche mitgenommen." flüstert sie und beide stellen sich vor, wie ihr Vater die getragenen Socken, Hemden und Unterhosen der vergangenen zwei Urlaubswochen auf dem Tisch der Wache ausbreitet.
   Es dauert nicht lange, als sich die Tür der Wache öffnet und ihr Vater mit dem Stoffbeutel und begleitet vom Wachmann zum Wagen zurückkehrt. Das Interesse des Polizisten an ihnen ist erloschen. Ihr Vater steigt ein und die Schranke hebt sich, um sie durchzulassen. Als die Grenze hinter der Biegung aus ihrem Sichtfeld verschwindet, prusten sie los.

Kein Empfang

Jan Feddersen fühlte sich alt. Seit Tagen stand er von früh bis spät am Kopierer, heftete Akten aus, entfernte Klammern und kopierte Blätter. Dann heftete er den Stapel wieder zusammen und legte sie im Ordner ab. So hatte er sich die Arbeit nicht vorgestellt.
   Jeden Morgen klingelte sein Wecker um sechs Uhr. Kurz nach sieben schloss er die Wohnungstür ab und ging zwei Straßen weiter zur Bushaltestelle. Er sah die immer gleichen Menschen mit den müden Gesichtern. Einige schlossen ihre Umgebung mit Kopfhörern aus, andere blätterten in Zeitungen, die zu groß waren für den engen Raum zwischen den Sitzreihen. Manche standen und bewegten sich mit dem Rhythmus des Busses. Ihre Gesichter verrieten Langeweile. Halb acht hielt der Bus in der Margarethenstraße und Jan stieg aus, um die letzten Meter zu dem Hochhaus mit den verspiegelten Fenstern zu gehen. Acht Uhr begann sein Dienst, die Mittagspause verbrachte er im fensterlosen Speisesaal im Untergeschoss und pünktlich halb sechs am Abend nahm er seine Tasche und verließ das Gebäude. Jeden Tag grüßte ihn der Pförtner mit den gleichen Worten „Pünktlich wie immer, Herr Feddersen.“ und Jan antwortete stets „Stimmt genau.“
   Nun saß er in seiner Küche, die angebissene Scheibe Wurstbrot auf dem Teller vor ihm und fühlte sich nutzlos. Er dachte daran, was er werden wollte, als er sich im Finanzministerium bewarb. Abteilungsleiter vielleicht oder zumindest Teamleiter. Doch die Karriere geriet ins stocken. Sie übersahen ihn. Und er rührte sich nicht, verkroch sich in der Routine.
   Er stellte den Teller in den Abwasch und ging hinüber ins Wohnzimmer. Mit der Fernbedienung stellte er den Fernseher an, um die Abendnachrichten zu sehen. Auf dem Bildschirm erschien weißer Schnee und aus den Lautsprechern ertönte fortwährendes Rauschen. Jan drückte auf mehrere Tasten und schaltete sich durch die Programme. Nichts, überall nur Schnee und Rauschen. Seufzend schaltete Jan den Fernseher wieder aus und sah sich in seiner Wohnung um. Er hatte den Eindruck, als habe er sie vor Tagen zum letzten Mal wirklich gesehen. Alles war säuberlich aufgeräumt. Sein Blick fiel auf die Fotoalben, die, nach Jahren sortiert, nebeneinander im untersten Fach des Regals standen. Er ging hin, fuhr mit dem Finger über die Rücken und blieb an dem mit der Aufschrift ´2008´ hängen. Die letzten Tage mit Sandra.
   Drei Jahre war das jetzt her. Drei Jahre, in denen er vergaß, wie es war, einen warmen Körper neben sich zu spüren, geliebt zu werden. „Es ist aus“, hatte sie gesagt. An einem Sonntagmorgen im November. Sie saßen sich beim Frühstück gegenüber, hingen ihren Gedanken nach. „Ich will das nicht mehr.“ Dann war sie aufgestanden und ins Bad gegangen. Wenig später hörte er die Tür des Schlafzimmerschranks quietschen. Er sollte die Scharniere ölen, dachte er wie so oft zuvor. Nach einiger Zeit kehrte sie zurück, ihre Reisetasche wölbte sich an den Seiten. Vermutlich ihre Schuhe. „Ich geh jetzt Jan“, sagte sie und ihre Stimme verriet, dass sie irgendeine Reaktion von ihm erwartete. Er sagte nichts, seine Gedanken überschlugen sich. Wollte sie diesmal ernst machen? Wollte sie gehen? Er hatte sie immer wieder dazu gebracht, bei ihm zu bleiben. War mit ihr einkaufen gegangen, ins Kino oder zum Tanzen. Wenige Wochen später verfiel er erneut seiner Trägheit. Saß lieber auf der Couch vor dem Fernseher. Er sei müde von der Arbeit sagte er. Und sie hatte mit der Zeit aufgegeben. Immer weniger sprachen sie miteinander, es gab nichts, was sie gemeinsam erlebten. Sie fanden nichts mehr, was sie wirklich verband. Er wusste es. Doch er war zufrieden wie es war. Er war nicht allein. Die Tür klackte ins Schloss und die Wohnung wurde still. Über ihm leise Musik, der Geruch von Sauerkraut stieg ihm in die Nase. Die Boisenbergs kochten ihr Mittag.
   Jetzt saß er in seiner Küche und fühlte, dass etwas anders werden musste. Er stand auf, setzte sich an den Schreibtisch und fuhr den Rechner hoch. Dann loggte er sich ins Internet ein und öffnete das E-Mail-Programm.

Abschied

Fast geräuschlos glitt der letzte Nachtzug aus der Halle. Der Bahnsteig war leer, bis auf einen einzelnen Mann. Er hatte sich eine Zigarette angezündet und starrte dem Zug nach, dessen rote Schlusslichter rasch kleiner wurden.
Als er an der Zigarette zog, wurde das Gesicht des Mannes unter seinem breitkrempigen Hut erhellt und leises knistern drang an sein Ohr. Der Rauch vermischte sich mit der Wolke seiner Atemluft, blieb an der Hutkrempe hängen und löste sich dann langsam auf. Müdigkeit hing Anton in den Knochen und machte ihm die Beine schwer. Er fühlte sich, als hätte er seit Tagen nicht geschlafen.
Schwerfällig ging er los, vorbei an verlassenen Bänken, auf denen Stunden zuvor noch Reisende ein wenig Ruhe gefunden hatten. Am Ende des Bahnsteigs sah er sich noch einmal um, doch der Zug war zu weit weg, um seine Schwester am Fenster zu erkennen. Als er die Glastür öffnete, griff die kalte Februarluft nach ihm und er zog den Kragen seines schwarzen Mantels hoch. Zitternd wühlte er in den Manteltaschen nach dem Autoschlüssel. Der kleine Anhänger erinnerte ihn an Lena. Nichts würde mehr sein wie zuvor. Er drückte auf den Knopf der Fernbedienung und mit einem Klacken entriegelten die Türen des grauen Ford. Die Straßenlaterne legte ein verblasstes Gelb auf die glänzende Oberfläche des Wagens.
Dann saß er hinter dem Lenkrad und starrte in die Nacht. Die Häuser aus rotem Backstein rechts von ihm blickten aus dunklen Fenstern auf ihn herab. Ihm wurde bewusst, wie unwohl er in sich in dieser Gegend fühlte. Meist hieß es Abschied nehmen, wenn er hier war. Früher so oft von seiner Mutter, die immer wieder lange Reisen unternahm. Wochenlang wartete er auf ihre Rückkehr. Und als sie endlich da war, lauschte er ihren Geschichten aus fernen Ländern. Immer aufs Neue sollte sie erzählen. Er wusste, dass diese Zeit kurz war und wollte sich jeden Moment einprägen. Bis sie eines Tages in den Zug stieg und nicht mehr wiederkam. Nächte lag er weinend im Bett und der Schmerz über ihren Verlust machte ihn fast wahnsinnig.

Dann hatte er Lena kennen gelernt und mit ihr war die Freude und Leichtigkeit in sein Leben zurückgekehrt. Er spürte noch ihre Berührungen und roch ihren Duft. Am liebsten mochte er ihren Morgenduft, wenn die Süße des Schlafs sie noch umarmte. Warm war sie dann und so weich. Oft hielt sie die Augen geschlossen, bis nur noch wenig Zeit blieb. Sie mochte die ersten Augenblicke des Tages mit dem zwitschern der Vögel vor dem Fenster und der Gewissheit, dass andere bereits unterwegs waren, während sie noch zwischen den warmen Federn lag. Zeit für ein gemeinsames Frühstück blieb dann nicht mehr. Es amüsierte ihn, wenn sie voller Hast nach ihren Hosen suchte und immer wieder neue Blusen an- und auszog, bis sie die eine fand, in der sie sich wohl fühlte. Die anderen warf sie hektisch auf das Bett und er räumte sie später zurück in den Schrank.

Ein Auto fuhr vorbei und riss ihn aus seinen Gedanken. Seufzend drehte er den Schlüssel um und der Motor sprang stockend an. Behutsam drückte er das Gaspedal und bog langsam in die Hauptstraße ein. Im Rückspiegel verschwand das Gebäude des Bahnhofs. Die Straßenlampen legten wandernde Lichtflächen auf die Armaturen.

Er vermisste sie. Wie oft hatte sie im Auto neben ihm gesessen und er ihrer tiefen Stimme gelauscht. Er musste nicht viel sagen, meist war sie es, die erzählte. "Hast du mich vermisst?", war stets das Erste, was sie ihn fragte. Er lächelte. Es war egal, ob sie nur Stunden oder Tage voneinander getrennt waren. Stets fragte sie ihn zuerst danach.

Er fuhr aus der Stadt, vorbei an den mit weißen Pulver bestäubten Wiesen. Vereinzelte Grasbüschel steckten ihre Köpfe aus dem Schnee, doch schon am kommenden Tag sollte es wieder schneien. Dann verschwanden wohl auch sie. Die Welt würde leiser werden, die Menschen vorsichtiger.

Er dachte an ihren ersten gemeinsamen Urlaub. Sie hatten sich eine Hütte in den Bergen, etwas außerhalb der nächsten Ortschaft gesucht. Ganz bewusst wollten sie allein sein. Dann waren sie am Tag durch den Schnee gewandert und hatten dem Wind gelauscht, der durch verschneite Äste strich, ohne sie zu bewegen. Das Knirschen des Schnees unter ihren Stiefeln war beruhigend. Abends saßen sie meist auf der Couch vor dem knisternden Kamin, hörten Radio, lasen, redeten oder schmiegten sich aneinander. Sie waren beide erstaunt, wie gut sie harmonierten.
Kurz nach ihrer Rückkehr in die Stadt zurück, zogen sie in ihr gemeinsames Haus. Drei Jahre war das nun her und sie hatten sich in all der Zeit nicht einmal ernsthaft gestritten. Er wusste, er war kein leicht zu nehmender Mann. Doch sie hatte geduldig gewartet, bis er seine Mauer durchlässiger machte. Das liebte er so an ihr.

Er bog in die Sackgasse ein, an deren Ende ihr Haus stand. Noch waren die Fenster der Nachbarhäuser dunkel, doch schon bald würden die ersten Lichter angehen und kurz darauf Motoren starten. Er lenkte seinen Ford in die Einfahrt und stellte ihn in der Garage ab. Noch einen Moment blieb er im Wagen sitzen, ihm graute vor dem leeren Haus. Dann, mit einem Seufzer, stieg er aus. Er öffnete die Haustür und stand in dem dunklen Flur. Lenas Jacke hing an der Garderobe und er sog ihren Duft ein. Er war so müde vom Schmerz der vergangenen Tage. Mit letzter Kraft stieg er die Stufen zum Schlafzimmer hinauf. Kaum schaffte er es, sich auszuziehen. ´Nur noch schlafen.´, dachte er, als er die Bettdecke über sich zog.

Auf dem Tisch im Wohnzimmer verströmten weiße Blumen süßlichen Duft. An der Vase lehnte eine ausgeschnittene Zeitungsanzeige. Lena Morgner geboren 22.03.1972 – gestorben 12.02.2010.