Bruno, grün und noch sehr klein,
sollte einst mein Haustier sein.
Ich machte ihm aus Moos ein Bett
und glaubte, er hat´s nett.
In seinem Glas mit Gage drauf
saß er mürrisch nach dem Kauf.
Ich sammelte ihm Fliegen
doch Bruno ließ sie liegen.
"Er sieht kein totes Futter"
belehrt mich meine Mutter.
Also fange ich die Fliegen,
doch die sind schwer zu kriegen.
Aber das Ergebnis:
Bruno hat sein Jagderlebnis.
Er springt freudig hoch und quer
den Fliegen hinterher.
Der Frosch wird immer fetter,
aber zeigt uns nicht das Wetter.
Wird es trübe oder heiter?
Bruno bekommt nun eine Leiter.
Doch was lässt ihn steigen,
in schönen Sonnenzeiten?
Hoch oben fliegt dann seine Nahrung,
das weiß Bruno aus Erfahrung.
Wir fangen Fliegen Tag um Tag.
das Fröschlein dankt mit lautem "QUAAK".
Pause haben wir im Winter dann,
wenn Bruno endlich schlafen kann.
Fliegen fangen Jahr um Jahr,
das nervt und endlich wird uns klar:
Das Glas wird eng und enger,
wir quälen ihn nicht länger.
Bruno ist jetzt groß und stark,
zum Überleben im Landschaftspark.
Wir ließen ihn dann frei-
genau am 8. Mai.
Schreibwerkstatt
Sommersemester 2010
"Der kann nicht mehr fliegen, schon ein Jahr nicht. Bubi ist schon ein sehr alter Herr", sagte meine Schwägerin, als sie ihren Kanarienvogel, sitzend in einem flachen Karton, zu mir in Pension brachte.
Ich nahm Bubi nebst Futter in Empfang und wünschte ihr schöne Urlaubstage an der Ostsee.
Bubi kuschelte sich scheu auf seine Unterlage aus Zellstoff.
"Stelle ihn abends in eine dunkle Ecke, dann schläft er", hatte meine Schwägerin noch gesagt und ich stellte den Karton in unseren fensterlosen Flur. Alle anderen Familienmitglieder wurden noch darauf aufmerksam gemacht, damit keiner im Dunkeln auf das kleine Wesen treten sollte.
Am nächsten Tag stellte ich den kleinen Vogel auf den Balkon. Ich suchte ein halbsonniges Plätzchen, denn Bubi war in der dunklen Wohnung meiner Schwägerin, deren Balkon nicht einmal einen Sonnenstrahl abbekam, keine Sonne gewohnt.
Das Tierchen genoss sichtlich die Wärme, denn schon nach kurzer Zeit hob es sein Köpfchen, blinzelte in die Sonne und piepste leise.
Ich kümmerte mich an diesem Tag nur ab und an um ihn, achtete aber darauf, dass er nicht in der prallen Sonne sitzen musste.
Es sollte laut Wetterbericht eine trockene und warme Sommernacht werden und ich schob den Vogel abends unter den kleinen Balkontisch.
So ging das einige Tage. Morgens auf den Tisch, abends unter den Tisch. Wenn Bubi in der Sonne stand, piepste er oft munter und es kam vor, dass ich ihn auch einmal außerhalb seines flachen Kartons antraf. Er hatte sich sichtlich erholt.
Einmal, ich war kurz außer Haus gewesen, wollte ich nach dem Vogel sehen. Die Kiste war leer.
Ich suchte in jeder Ecke, schaute über die Balkonbrüstung nach unten- kein Bubi. Wir wohnten in der achten Etage und ich dachte, das arme alte Vögelchen sei abgestürzt.
Ich fuhr mit dem Fahrstuhl nach unten und suchte unter unserem Balkon die Wiese ab. Bubi hatte ein leuchtend gelbes Gefieder, er hätte mir auffallen müssen. Nach langer Suche gab ich auf. Nun machte sich mein schlechtes Gewissen gegenüber meiner Schwägerin bemerkbar. Aber sie hatte auch betont, das der arme alte Vogel selbst auf dem Balkon niemals wegfliegen könne.
Nun hatte ich den Salat.
Es vergingen einige Tage, aber es kam kein Lebenszeichen von ihm. Es konnte nur so gewesen sein, dass er bei einem Flugversuch hinabgefallen und von einer der vielen Katzen aus der Nachbarschaft gefressen worden war.
Aber vielleicht war er ja auch jemandem zugeflogen. Bubi hatte sich in der wärmenden Sonne wohl gefühlt, hatte wieder mehr gefressen und war zu Kräften gekommen. Von Tag zu Tag war er munterer geworden. Es konnte durchaus sein, das er einen kleinen Ausflug in die Lüfte unternommen hatte.
Der Tag kam näher, an dem meine Schwägerin von dem Ostseeurlaub nach Hause kommen sollte. Ich machte einen verzweifelten Versuch. Ich schrieb einige Zettel mit dem Text: "Gelber Kanarienvogel entflogen, der Finder melde sich bitte unter folgender Adresse..."
Die Zettel verteilte ich in allen umliegenden Hauseingängen.
Es dauerte drei Tage, da klingelte es an der Haustür. "Ich glaube, uns ist Ihr Vögelchen zugeflogen." Vor mir stand eine freundliche Dame aus dem Nachbarhaus. "Das kleine gelbe Tierchen ist bei uns. Eine unserer Bewohnerinnen hatte es eines Tages auf dem Balkon gefunden. Wir haben ihn in unsere Voliere im Foyer gesetzt." Sie wies mit dem Finger in die Richtung des großen Alten- und Pflegeheimes in unserem Wohngebiet.
Am nächsten Tag machte ich mich auf den Weg dahin. Ich betrat das helle, großzügig eingerichtete Foyer und blickte mich um. Die rechte Seitenwand wurde von einer riesige Voliere eingenommen.
Bunte Vögel flogen munter umher. Ich schaute näher hin und dann erkannte ich Bubi. Er saß auf einem Ast und hüpfte hin und her. Die Sonne schien ihm durch die großen Fenster auf das Gefieder. Er piepste, wippte auf seinem Ast, flog quer durch die Voliere, landete neben einem anderen hübschen blauen Vögelchen und genoss sichtlich seine Bewegungsfreiheit und vielleicht auch die Gesellschaft seiner Artgenossen. Kanarienvögel sind gesellige Tiere und man sollte sie möglichst nicht separat halten. Bubi hatte mindestens zehn Jahre seines Lebens in Einsamkeit verbracht.
Ich ließ ihn erst einmal, wo er war und ging wieder nach Hause.
Als meine Schwägerin ihren Pensionär abholen wollte, gestand ich ihr die ganze Geschichte. Wir haben beide herzlich gelacht. Sie hatte sich noch am gleichen Tag die neuen Lebensumstände ihres Kanarienvogels angeschaut, ihn aber dann auch gelassen, wo er sich sichtlich wohlfühlte. Kanarienvögel können bei artgerechter Haltung bis zu fünfzehn Jahre alt werden. Vielleicht waren ihm noch fünf schöne Jahre in Mitten seiner Artgenossen vergönnt.
So hatte sich der in die Jahre gekommene Kanarienvogel, seinen wohlverdienten Platz im Altenheim selbst gesucht.
Schreibwerkstatt
Sommersemester 2010
Ich, der in die Jahre gekommene Kanarienvogel, empfinde es als Diskriminierung, wenn man mich offen, ohne Vogelbauer, durch die Straßen trägt und behauptet, ich könne nicht fliegen. Denen werde ich es beweisen. Sicher, ich habe mich in der letzten Zeit etwas hängen lassen. Der lange Winter und immer in der Stube, da wird man müde und faul. Meine alten Flügel sind lahm, aber mit Training, Wärme und gutem Futter bin ich noch zu einigem fähig.
Die schöne warme Sonne tut meinen alten Knochen gut. Flügel schlagen geht auch. Wenn ich oben auf dem Tisch stehe, habe ich eine perfekte Startposition. Schwupp, na ja ich bin auf dem Balkonteppich gelandet, na und? Ich muss weiter üben. Wie komme ich da nun wieder hinauf. Puh, ganz schön anstrengend!
Morgen versuche ich es noch einmal, für heute ist es genug.
Jetzt sitze ich schon auf der Balkonbrüstung und wupp, ich schwebe! Da unten ein Baum, darauf werde ich erst einmal landen. Verschnaufpause; ui bleiben kann ich hier nicht. Ich sehe unter mir eine Katze. Sie hat mich schon erspäht.
Kräftig durchatmen und weiter. Schön, dass hier so viele Bäume sind. Hoppla eine Straße mit regem Verkehr. Auf der kann ich nicht landen, aber da drüben das riesige Haus mit den vielen Balkonen, bis dahin muss ich es schaffen. Bfff, die weiche Landung ist geglückt.
Jetzt kuschele ich mich erst einmal in die Ecke und ruhe mich aus. Dabei muss ich wohl eingeschlafen sein.
"Wer bist Du denn?" Ich blicke in ein freundliches Gesicht. Eine warme Hand streicht sachte über mein Gefieder. "Was soll ich nur mit Dir machen, Du bist doch bestimmt jemandem ausgebüchst. Na, ich frage die Heimleitung, vielleicht kannst Du inzwischen mit in die große Voliere im Foyer."
In den warmen weichen Händen werde ich davon getragen. Ich höre von fern leise Stimmen meiner Artgenossen. Ihr Geschwätz wird immer lauter. Schon kann ich verstehen, was sie sagen. Unbekümmert scherzen sie und haben viel Spaß.
Die Gittertür wird einen Spalt geöffnet und schon bin ich bei ihnen. Am Anfang werde ich neugierig bestaunt. Es ist viel junges Volk, da werde ich mir Respekt verschaffen müssen.
Ich erzähle meine Geschichte und schmücke natürlich alles aus. Um die Spannung zu heben erfinde ich einige Abenteuer dazu. Eine kleine blaue Kanariendame, ungefähr in meinem Alter, sagt mir, dass sie auch erst in einer Familie war und dass sie dann, als die Frau alt und allein war, mit in das Altenheim kam. In einem Altenheim bin ich gelandet, warum eigentlich nicht? Die kleine Blaue hat noch einige Zeit mit in dem Zimmer der Frau gewohnt und als diese dann starb, kam sie dann in die Voliere.
Als sie von ihrer Familie sprach, ging ein leichter Stich durch mein Herz. Schließlich war ich ja auch bei einer Familie, wenn auch die Kinder nun schon lange aus dem Haus sind. Ich war dann sehr viel allein.
Eines Tages sehe ich ein bekanntes Gesicht vor der großen Glasscheibe der Voliere. "Hallo Bubi, Du bist mir ja vielleicht ein Ausreißer! Hier in Gesellschaft Deiner Freunde gefällt es Dir wohl besser als bei mir?" Ich zwitschere fröhlich, rücke noch etwas näher an meine neue blaue Freundin und ich denke, sie hat kapiert. Jedenfalls hat sie mich gelassen wo ich bin.