Leseproben Monika Hähnel

Kasper · Gefangen · Stimmen im Turm
Die Callas im Kellerbad · Die Stadt C. · Olivenhain

Kasper

Zwischen den Puppen sitz ich – ein Kasper
dem das Gesicht nach hinten steht
und der bevor der Hintermann erschrickt
aufsteht und still aus dem Theater geht

Der Kopf bleibt mir und bleibt verdreht
die Beine stolpern in die laute Welt –
mein ungelenker Gang ist wie mein Herz
das traurig in die Einsamkeiten fällt

Ich falle auf ich ecke an ich bin verquer
so uneinig mit mir so höllennah
ich weiß nicht aus noch ein – und frage doch
wie eintrainiert: Seid ihr auch alle da

Gefangen

Jetzt schwammen die Eisschollen schon breiig, wie ausgespuckt Fladen vor dem Bug meines Bootes und es war nicht leicht, sie mit den Ruderblättern zur Seite zu drängen. Die Flut schob mich langsam voran, aber sie verlor schon an Kraft. Mit dem umgedrehten Ruder versuchte ich, eine kleine Fahrrinne offen zu halten. Es gab hartbatzige Flächen, die unteilbar waren. Ich hatte den Eindruck, nicht mehr vorwärts zu kommen. Als die Lichter auf der Hallig im Schneenebel eine Zeit lang verschwanden, fasste ich unruhig an meine Brusttasche. Die zwei Fläschchen klapperten und rieben aneinander, wenn ich mich über den Bug beugte. Zischelnd schrammten die Eisschollen am Bootsrand entlang. Dann war ein Schwaden jählings auseinander gerissen und davon geschwommen. Levkes Licht war sichtbar gewesen, so dass ich beide Ruder nahm und ins Eis stieß. Das Wasser stieg nun nicht mehr, aber ich würde es schaffen. Das Licht schien mir so nah! Die Mole war nicht auszumachen im Dunkeln, der Wind pfiff eisig von der Seite. Ich zurrte das Heckruder mit dem Gürtel meiner Hose fest, damit ich weiter staken konnte. Ich versuchte, mit dem Rudergriff auf die dunklen Stellen zwischen den Schollen zu stoßen. Dort gab das Eis noch nach. Jedes Mal surrte ein Knistern nach mehreren Seiten. Plötzlich verklemmte sich die Stange zwischen zwei verkanteten Blöcken und als ich am Heck nach dem anderen Ruderblatt suchte, bemerkte ich, dass das Ruder eingefroren war. Hinter dem Boot hatte sich die Eisdecke geschlossen. Das abfließende Wasser würde mich tiefer und tiefer ins Eis drücken. Ich versuchte, das gefrorene Segeltuch, das unterm Sitz lag, aufzubrechen, damit ich es mir umlegen konnte und es mich vor dem Wind schützte. Das Licht flackerte vor mir und auch wenn eine Schneeböe vorüber jagte und ich nur aus dem Schlitz der Plane sah, blieb es sichtbar. Aber ich konnte noch nicht aufs Eis. Es würde mich noch nicht tragen.
Levke starb jetzt vielleicht.

Stimmen im Turm

Endlich war es still um mich.
   Nur die Nachtluft rieb sich leise an der Steinbrüstung und die Zweige schnellten mit einem Fächeln in ihre Ausgangslage zurück, wenn einzelne Vögel ihre Schlafplätze noch einmal wechselten. Die Steine hatten die Hitze des Tages gespeichert und wärmten mir den Rücken. Nur die Kühle der metallenen Bodenplatte schlug durch die Zeitung, auf der ich saß. Ich hoffte einerseits einschlafen zu können, bevor mich die Kälte durchdrungen hätte; andererseits wollte ich doch so lange wie möglich die Beruhigungen in mich aufsaugen, die von den kleinen Geräuschen des Waldes ausgingen. Wie viele Male hatte ich erwogen, eine Nacht im Freien zu verbringen?! Immer wieder aber waren die Bedenken, Tier oder Mensch könnten mir schaden, stärker gewesen als diese Neugier. Die Gelegenheit hatte sich spontan ergeben. Als die Gruppe die Wendeltreppe des Turmes hinuntergestiegen war und der Schließer nur kurz ins Dunkel zurückgefragt hatte: "Alle raus?", hatte ich mich auf der Plattform nicht geregt und nichts gesagt. Da glaubte ich noch, von der Gesellschaft müsse doch einer bemerkt haben, daß ich fehlte. Aber ich hatte mich ihnen nur zeitweilig angeschlossen. Ich hätte auch noch hinterher rufen können, aber da hatte der Gedanke sich schon festgesetzt, daß dieser Ausschluß mir die Bedingungen für eine einsame Nacht schuf, wie ich sie mir wünschte. Niemand würde mich stören. Ich hatte mich auf den Boden gesetzt und gewartet, bis ihre Stimmen sich entfernt hatten. Allmählich floß mein Atem ruhiger und kam mit der Nacht in Einklang. Es war noch dunkler geworden, so daß sich die Baumwipfel nur dann abzeichneten, wenn der Wind sie vor den dunstigen Hof des Mondes schob. Unten knackte ein Ast unter der Last eines Tieres. Die grob behauenen Steine der Mauer drückten gegen meine Schulterblätter. Trotzdem wurden meine Lider allmählich schwer. Da! - Knackte es wieder? Jetzt schien es mir, als käme das Geräusch aus dem Inneren des Turmes, aber da war ja wohl weder Ast noch Tier. Ich lauschte. Nichts. Im Unterbewußtsein blieb dennoch eine Aufmerksamkeit, die verhinderte, daß ich einschlief.
   Hellwach war ich, als das Geräusch wieder kam und scheinbar an der Wand entlang und der Biegung der Wendeltreppe folgend, zu mir heraufknackte; unregelmäßig, -mal schwächer, mal stärker, aber unaufhaltsam näher kommend.
   Kein Zweifel: jemand kam die Stufen hoch. Ich glaubte sogar ein Streifen am Handlauf des Geländers zu hören. Auf dem Absatz, der die Holz- mit der Metalltreppe verband, blieb die Person stehen. Ihr Atmen schnob herauf. In meinem Kopf wirbelte es: 'Sprich ihn an!', sagte eine Stimme. 'Verhalte Dich ganz still!' eine andere. 'Er will Dich herausholen.' - 'Er wird Dir was antun.' ... Die Schritte klickten die letzten Stufen herauf und aus der Luke schraubte sich ein Kerl, dessen Oberkörper hoch über die Brüstung des Turmes ragte. Er legte seine Hände auf die steinerne Umrandung und schaute in die Nacht hinaus. Auf die Plattform sah er nicht, auf der ich mit angezogenen Beinen, flach atmend hockte. Also war er nicht gekommen, mich zu befreien, nicht, um mich zu schlagen, überhaupt nicht wegen mir. Trotzdem reichte mein Mut nicht aus, mich ihm zu entdecken. Ich sah sein Erschrecken voraus, und was würde ihm folgen? So blieb ich an meinem Platz.
   Plötzlich begann der Mensch einen Singsang, den er mit brüchiger Stimme in das Dunkel hinausschickte.
   "Nacht, du meine Nacht ... du birgst in deinem Innern etwas ... einem Samen gleich der aufspringt, das ist das Wunder, der Tag ... Nacht, aller Leben Nacht... ". Ich wußte mit einem Mal, daß mir keine Gefahr drohte, nicht von ihm, aber ich schlich mich dennoch zum Treppenabsatz und es gelang mir, einige Stufen sitzend hinab zu rutschen, ohne daß er mich bemerkte. Als er aufhörte zu singen, hielt ich in der Bewegung inne. Ich war bis zu dem Absatz gekommen, wo der Holzteil begann. Der Abstand zwischen dem Fremden und mir ließ mich ruhiger atmen.
   Oben war es jetzt ganz still. Warum war dieser Mensch hier? War es der Schließer? Der hatte schon beim Rundgang aus Gedichten rezitiert. Gab es noch einen, der allein mit der Nacht sein wollte, eine verwandte Seele? Die Neugier war gering gegen die Sorge, wie ich hier wegkäme. Das Grübeln zerfaserte jeden Gedanken und steif saß ich da. Wenn er nun wieder herunterkäme? Vielleicht konnte ich mich unten hinter die Tür stellen? Da war eine Nische gewesen. Sowohl die Besucher des nächsten Tages als auch der Mann würden an mir vorbei gehen.    Das Knacken der Holzstufen war nicht gänzlich zu vermeiden, aber ich achtete darauf, daß lange Pausen dazwischen lagen und weil sich nichts regte, wähnte ich mich weiter unbemerkt. Ich zwängte mich im Sitzen in die Nische. Als ich aufsah, graute in der Ausstiegsluke der Himmel. Aus dem Kitzel des Abenteuers war die Furcht, aus dieser wiederum die Müdigkeit gekrochen und ich schlief für kurze Zeit ein. Ich sah und hörte nicht, wer aufschloß und wann. Erst eine Stimme von draußen weckte mich. "Schön, dass Du da warst." sagte sie, eine Singsangstimme wie die in der Nacht.

Die Callas im Kellerbad

Das 12-Parteien-Haus hatte ein Gemeinschaftsbad im Keller. Das galt 1920, als das Haus gebaut worden war, als Luxus und noch 1950, als ich als kleines Kind kennen lernte, war es eine Möglichkeit, über die andere Häuser nicht verfügten. Eine große emaillierte Wanne erhielt ihr warmes Wasser aus einem Kupferboiler, der mit den Kohlen gefeuert wurde, die jeder aus seinem Keller holte. Am Anfang war mir das bad unheimlich und nur erträglich, weil Mutter die ganze Planschzeit über bei mir am Wannenrand sitzen blieb.    Als ich etwas größer war und ich die Badezeit ausdehnte, bis die Haut zwischen den Zehen und an den Fingern nicht nur schrumplig, sondern auch weich und aufgedunsen war, nutzte meine Mutter drei Türen weiter die Zeit, um die Kartoffelhorde oder die Gläser mit dem Eingemachten zu inspizieren.
   Als Halbwüchsige schließlich waren mir das kleine Kellerfenster, der etwas muffige Geruch, ja sogar die langbeinigen Weberknechte egal, die ab und an die Rauhputzwände hinaufkletterten, denn ich hatte ein wunderbare Eigenschaften des Raumes entdeckt: seine Akustik.
   oll klang meine Stimme, in der Höhe strahlte der Sopran wie er in der Tiefe vibrierte und nicht nur das Kellerbad füllte, sondern auch durch die geschlossene Tür hinaus in die Gänge, ja wahrscheinlich auch ins Treppenhaus drang. Ich sang von "Im Frühtau zu Berge" über die Nationalhymne bis zur Händel-Arie alles, was zu meinem damaligen Repertoire gehörte. Nach der Rubrik Schlager ließ ich warmes Wasser nachlaufen und trällerte noch einmal eine Weile weiter, bis ich bei "Jesu, meine Freude" in ruhige musikalische Gewässer gelangte und das Badewasser erneut auskühlte. Ich berauschte mich an meiner Stimme und hatte das erste Mal nur am Türklappen gemerkt, das mir wohl jemand gelauscht haben musste und nun den Keller verließ. Als sich der Besuch aber wiederholte, stockte ich doch in meinem Gesang, kletterte aus der Wanne, tappte tropfend zur Tür und prüfte, ob ich auch wirklich zweimal abgeschlossen hatte. Aber ja. Schnell zurück in die Wanne und leise summte ich mich in das nächste Lied ein. Da erinnerte mich mein Singen für kurze Zeit daran, wie ich gegen die Bangigkeit angesungen hatte, wenn ich in den Keller geschickt worden war, eines der Kompottgläser für den Nachtisch heraufzuholen. Aber das war ja vor vielen Jahren gewesen! Jetzt war ich doch fast erwachsen- Über der Wasserfläche wurden meine zwei kleinen Brustspitzen kalt. Ich sang, ich sang laut, auch für den da draußen. Sollte er doch zuhören.
   Nach einer Zeit rumorte ich im Bad und das Wasser strudelte geräuschvoll in den Abfluss. Hatte da einer geklatscht? Ja, ganz deutlich: Beifall rauschte! Das Publikum bedankte sich und verließ das Theater. Ich nahm die Ovationen als Anfang einer Karriere, die heute, 50 Jahre später eine schöne, große Bühne hat – mein gefliestes Bad in meiner Neubauwohnung.

    Die Stadt C.

      Vertraut seit Jahren
      in den Ausfallstraßen
      die kurzen Wege heim
      und dennoch zieht
      dein größter Schornstein
      schon seit S. mich an
      sein Rauch – das Korn
      in meiner Scheibenwischerkimme
      der Regen perlt –
      da weint sich´s leicht
      da sing ich laut
      im Faradayschen Käfig
      ich soll ans Ziel
      der Schornstein duckt sich
      hinterm Häuserwall
      ich weiß bis heut nicht
      wo er steht
      ich stell das Auto
      unter dunkle Büsche
      und steig hinauf
      an meinen Platz
      und bleibe lang zu lange da
      dann fahr ich endlich los
      verlass dich gern
      im Rückspiegel da wächst
      und schmilzt im schwachen Licht
      der Schornstein neu
      die Ausfallstraße zieht mich
      weg von C.

    Olivenhain

      Spröd spöde ist der Stein
      und doch hat einer angefangen
      ihn zu zertrümmern, zu behaun´
      und Kind um Kindeskind
      mauerten die Terrassen
      worauf die Bäumchen schmale Erde fanden
      Die Rinden bergen heute
      morsche hohle Stümpfe
      und treiben doch neu aus
      Den Märzschnitt frisst das Schaf
      die Früchte werden
      in die gelben Netze fallen
      und ausgepresst dem Stein dem Baum
      der Frucht das Öl
      Und Sisyphos pflegt seinen Berg
      und lernt den Wegbau neu
      das Trockenmauern
      Reiser setzen
      und einer fängt es an